
Irena Staneva - Bulgarische Tänze 2
Rezension der CD
Irena Staneva kennen inzwischen viele Folkloretänzer in Nord- und Süddeutschland und haben sie wegen ihres freundlichen und doch genauen Unterrichts schätzen gelernt. Sie kommt dieses Jahr mit ihrer zweiten CD und hat wieder ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt - abwechslungsreich nicht nur hinsichtlich der Tänze aus unterschiedlichen Regionen Bulgariens, vom Pirin über Schopluk und Nordbulgarien bis zur Dobrudscha, mit einem breiten Spektrum von ruhig und besinnlich bis schnell und temperamentvoll, von einfach und schlicht bis tänzerisch anspruchsvoll und komplex. Auch zu dieser CD gibt es wieder ein Heft mit gut lesbaren Tanzbeschreibungen.
Abwechslungsreich sind auch die Musikaufnahmen, die auf dieser CD versammelt sind. Da hören wir mal eine Gesangssolistin mit Orchesterbegleitung, mal ein reines Instrumentalensemble in voller Besetzung mit Gajda, Kaval, Gâdulka, Tambura und Tâpan, dann wieder ein Frauen-Duo nur von einer Darabuka begleitet und ein anderes Mal ein Frauen-Gesangsensemble a capella. Auch der nicht tanzende Zuhörer wird an dieser Scheibe seine Freude haben.
Sie beginnt mit "IGRA NA DVAMINA" aus dem Pirin, einem außergewöhlichen Tanz: nicht nur weil er ein Paartanz ist, in Bulgarien eher die Ausnahme, sondern weil er auch noch im Dreivierteltakt steht, eine große Seltenheit in dieser Musik- und Tanzkultur, in der die zwei-Viertel- und ansonsten die asymmetrischen Takte vorherrschen.
"BAVNO HORO - TEZKOTO" ist, wie der Name schon sagt ("langsamer Tanz - der Schwere"), ein sehr ruhiger Männertanz mit sehr würdevollen, krafterfüllte Bewegungen zu einem melancholischen Lied. "SIRTO", mit dem griechischen "Syrtos" verwandt, stammt aus dem Pirin, der Nachbarschaft zu Griechenland. Wir hören eine eingängige, populäre Melodie, die zum Mitsingen einlädt. Die einfachen Tanzschritte folgen dem Wechsel von Liedstrophe und Instrumetalmusik. "KAVRAK ELENO" ist ein Tanz vom Typ Dschanguritza, fröhlich und lebhaft mit federnden aber nicht ganz einfachen Schritten zu einer sehr schönen, mitreißenden Musik. Eine Darabuka treibt den Rhythmus voran, ein Tambura-Ensemble wechselt und mischt sich mit einer Kaval-Gruppe und einem Männer-Gesangsensemble.
"SOPSKO SMESENO", der "gemischte Tanz aus dem Schopluk" ist eine interessante Suite aus zwei Tänzen im 2/4- und im 7/8-Takt. Die komplexen Tanzfiguren forden den Tänzern einiges ab. "TROPANKA" ist dagegen ein einfacher, typischer Tanz aus dem Grundrepertoire der Dobrudscha, bei dem die Tanzfiguren genau den musikalischen Abschnitten entsprechen.
"GANKINO", ebenfalls ein bulgarischer Standardtanz, wird von Irena Staneva in seiner Grundform aus drei Figuren präsentiert, zu einer ansprechenden Musikaufnahme einer Sängerin, begleitet von einem komplett besetzten bulgarischen Orchester. "MALISEVSKO", ein heiterer und lebhafter Tanz aus Südwestbulgarien, macht auch wegen des Männerchores Laune, der immer wieder ein witziges "Uh!" hören läßt. Auch "TRÂNSKO" aus dem Schopluk ist ein fröhlicher, flotter Tanz, bei dem man die verschiedenen Figuren "hört": sie entsprechen genau dem Wechsel von Liedstrophen und instrumentalem Zwischenspiel.
"VÂRBISKA RÂCENICA" gibt ein schönes Beispiel für den lebhaften, leichten Tanzstil Nordbulgariens mit den typischen Râcenica-Schritten im Dreierrhythmus. Beim "GRAOVSKO SOPSKO" können die Tänzer ein weiteres typisches Stilelement - hier aus dem Schopluk - studieren: bei rasantem Tempo die Schwerkrauft aufheben und den ganzen Körper in starke vertikale Schwingung versetzen, die sich bis in die Schultern auswirkt. Die Schrittfiguren entsprechen weitgehend dem schopischen Grundrepertoire.
Mit dem "DANEC" aus der Dobrudscha, einem einfachen, ruhigen Tanz, lernen wir einen Teil des Frühlingsrituals der Mädchen "Lazaruvane" kennen. Er wird getanzt, wenn die Mädchen am Lazarustag, eine Woche vor Ostern, gruppenweise von Hof zu Hof ziehen, dort Segenswünsche sprechen und Lieder für jeden einzelnen Hausbewohner singen.
"DZAN KALINO und CONE MILO CEDO" sind zwei nahtlos aufeinanderfolgende Tänze, der erste im 2/4-Takt, der zweite im 7/8-Takt. Ihre interessanten Schrittkombinationen in lebhaftem Tempo sind genau auf die verschiedenen Musikteile abgestimmt. Dagegen kontrastiert "OJ, SLAVEJCE" mit sehr ruhigen, langsamen, behutsam und sorgfältig gesetzten Schritten. Etwas anderes kann man sich zu dem verhaltenen a-capella-Gesang des Frauenvokalensembles nicht vorstellen. Ein sehr schönes Stück in der typischen etwas herben bulgarischen Polyphonie.
Den Schluß bildet "PAJDUSKO", ein beliebter, in ganz Bulgarien verbreiteter, lebhafter Tanz in seiner einfachen, weithin bekannten Grundform zum volltönenden Klang eines komplett besetzten bulgarischen Orchesters.
Leider fehlen in dem Heft zur CD wieder die Texte der Tanzlieder. Es ist einfach ein erheblicher Unterschied, ob wir nur unsere Freude an "diesem ruhigen Tanz" haben, von dem wir aber ansonsten nichts wissen, oder ob uns klar ist, daß "Oj slavejce" "Ach, liebe Nachtigall" bedeutet und die Frauen sich in vielfältiger Weise an die Nachtigall wenden - das mehrfach zu hörende "Bjulbjul" bedeutet ebenfalls "Nachtigall" - aber mit welchem Anliegen? Ist es ein Liebeslied? Handelt es von Liebesschmerz oder von bangen Hoffnungen? Oder lobt es einfach den schönen Gesang in der Nacht? Schade. Wir bleiben weiterhin ahnungslos.
Herwig Milde, Freiburg, März 2005